Kurzgeschichten

Clue Writing Challenge 8: Frank

Ein Anruf schreckte Frank auf. Ein Fuß wurde gefunden. Schon der Vierte in wenigen Wochen. In der Stadt keimte Unruhe und Angst. Die Bürgermeisterin forderte die Lösung des Falls. Frank stand unter Druck.

Frank ermittelte erst seit Kurzem bei Morden. Zuvor prüfte er mit Erfolg die Parkplätze der Stadt auf Sünder ohne Ticket. Die Stelle war vakant, seit der letzte Kommissar bei einer Koloskopie ins Koma fiel. Da sich niemand fand, bewarb er sich und wurde eingestellt. Frank schob es auf seinen markanten Look und weniger auf die fachliche Eignung.

Seine Glatze trug Frank mit Stolz. Ihm fielen als Kind die Haare aus, nachdem er ein paar Blüten Löwenzahn gegessen hatte. Früher pflegte er die Platte mit Vaters Bartwichse. Seit dieser aber keinen Vollbart mehr trägt, kauft Frank sich Eigene.

Der Anruf kam aus dem Revier. Jeder wusste, dass Frank keinen Plan hatte, aber er war der Kommissar und leitete die Ermittlungen. Man rief ihn daher zum Fundort und hoffte, dass es nicht wieder in solch einem Fiasko endet.

Der enge Flur im Treppenhaus stellte Frank schon oft vor Probleme. Immer wenn er den schmalen Gang zum Lift lief, wuchs in ihm Panik. Was, wenn die Fette aus Wohnung 5A aus dem Aufzug steigt? Der Flur maß etwa 15 Meter in der Länge, aber nur rund 1 Meter in der Breite. Zu wenig für Frank und Frau Alves, wenn diese sich auf halbem Weg begegnen.

Frank sah durch den Spion in der Tür, welche seine Wohnung vom Treppenhaus trennte. Es schien, als lugte man durch ein Fischauge. Niemand zu sehen im Gang. Sein Auge suchte die Anzeige über dem Lift. Der Pfeil lag fest über der Zwei und bewegte sich nicht. Eine Minute hatte er jetzt geschaut. Keine Aktivität im Haus. Alles friedlich.

Ich schau besser noch mal aus dem Fenster. Frank stieg von der Fußbank und lief in die Stube. Von da hatte man das Areal vor dem Haus im Blick und die Alves übersah man nicht, wenn sie vom Konsum kam und ihren Einkauf hinter sich her zog. Der Platz war menschenleer. Die Luft schien rein.

Wenn ich jetzt schnell. Frank ließ den Vorhang los. Dieser fiel zurück vor das Fenster, als wäre er nie bewegt worden. Im Laufen nahm er seinen Schlüssel, griff die Brille, die er nur zum Fahren des Autos benötigte und trat in das Treppenhaus. Dabei gab er der Tür genügend Schwung, dass sie hinter ihm ins Schloss fiel.

Zwei, drei Schritte lief Frank. Da öffnete sich die Tür des Fahrstuhls und die Alves trat heraus. Wie eine Boje in hohen Wellen wackelte die fette Frau beim Laufen hin und her. Ihr Kommen hatte Frank nicht bemerkt. Offenbar war sie ins Haus gelangt, als er zum Fenster lief.

„Hallo Herr Franke.“, rief die Alves schon von Weitem. Ihr tiefer Bass dröhnte im Treppenhaus. Man hörte deutlich das Nikotin der letzten Jahre.

„Guten Morgen Frau Alves.“, heuchelte Frank Freundlichkeit.

„Rita, Herr Franke. Für Sie Rita!“, ihr Lächeln zog sich bis zu den Ohren. In einer Show im TV gelang es der Frau einst, mit ihrem Mund ein Maßglas zu umspannen und dabei eine Kantate von Brahms zu pfeifen.

Wie komm ich jetzt an der Alten vorbei? Frank rang nach einem Plan. Ein Zurück in die Wohnung war aussichtslos. Zu weit weg schien die Tür.

Wenn ich ihr Schwanken clever nutze. Frank bewegte sich auf Rita zu. Dabei hatte er sie immer im Blick und versuchte synchron zu ihr zu sein. Mit jedem Schritt, den er lief, kippte die Frau nach links oder rechts. Frank schlich eng an der Wand entlang. Er plante, eine Lücke zu nutzen, wenn sich die Alves nach links neigte.

Nur wenige Schritte bis zum Kontakt. Das Tor öffnete sich. Die Feiste schwankte nach links. Das war die Chance zum Passieren. Doch Frank zögerte zu lang und trat in die Lücke, als die Alves längst zurück kippte. Das Vermeidbare wurde unvermeidlich. Rita presste Frank mit all ihrer Last an die Wand.

„Buenos días Señor Franke.“, grüßte die Feiste erneut. Frank zog seinen Mund zu einem Grinsen. Der Koloss stand genau gegenüber.

„Hallo Frau Alves“, drückte Frank durch seine schmalen Lippen. Das Atmen fiel schwer. Er fühlte sich, als würde ein Elefant auf seiner Brust knien. Schweiß trat auf die Stirn. Sein Leben zog an ihm vorbei.

Der fetten Frau Wollust drückte auf Frank. Schon lange hoffte die Alves auf Verkehr mit ihm. Er wusste, es würde irgendwann passieren. Spätestens, wenn ihm der Whiskey die Sinne nahm. Dann würde er bei Rita klingeln und in ihrem Fleisch versinken.

Frank Franke befreite sich mit Mühe aus der Umarmung. Die Feiste hauchte ihm einen Kuss ins Ohr, bevor sie zu ihrer Wohnung wackelte. Er sah ihr kurz nach, richtete seine Kleidung und betrat den weiterhin offenstehenden Lift. Der Fuß wartete.

„Da sind Sie ja.“, rief Danielle, als Frank endlich am Fundort ankam. Danielle, Anfang zwanzig, passte so gar nicht zu Frank. Aber sie liebte ihn. Nicht mit dem Herz. Mit ihren Lenden, die so oft nach Befriedigung schrien.

„Hallo Danielle.“, brummte Frank.

„Chef, kann es sein, dass Sie..?“, bohrte Danielle. Dabei zog sie eine Grimasse.

„Dass ich was?“, frotzelte Frank mit einem Unterton.

„Ach nix.“, murmelte Danielle kleinlaut.

„Das meine ich auch. Wo ist der Fuß?“

„Da vorn und es sind zwei.“, Danielle zeigte nach Westen.

Frank wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er hob das Sperrband ein Stück hoch und kroch darunter durch. Direkt vor den Füßen blieb er stehen. Danielle war ihm lautlos gefolgt. Sie stand direkt hinter ihrem Chef.

Frank spürte den Atem von Danielle im Nacken. Angewidert drehte er sich um.

„Hauchen Sie mich bitte nicht so an Danielle. Das ist ja übel. Wie Jauche. Tun Sie endlich was dagegen.“, Frank rang nach Luft. Sein Magen krampfte.

„Ähm Boss, was meinen Sie?“, fragte Danielle.

Wortlos reichte Frank Danielle ein Minzbonbon. Sie griff zu. Sie hatte verstanden.

Frank beugte sich über die Füße. Genau betrachtete er die Stümpfe.

„Zum ersten Mal zwei.“, sagte Danielle und tippte Frank leicht auf die Schulter. Ihr Atem roch jetzt wohlig nach Minze. Frank lächelte.

„Sehen Sie das auch Danielle? Der rechte Fuß ist braun und der linke weiß. Und bei beiden ist der große Zeh außen.“

„In der Tat. Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Was mag das bedeuten?“, wunderte sich Danielle.

Frank sah sich die Füße genauer an. Totenstille. Alle warteten eine auf Antwort.

„Es sind ganz sicher die Füße von zwei Opfern.“, folgerte Frank und drehte sich selbstbewusst um.

„Was ist mit den großen Zehen?“, rief einer. Alle sahen zu Frank. Die Ruhe war gespenstig.

„Gute Frage. Das widerspricht dem menschlichen Aufbau.“, sprach Frank und strich sich grübelnd über seine Glatze. Er lief im Kreis um die Füße. Urplötzlich blieb er stehen.

„Danielle, prüfen Sie alle Freakshows in der Stadt. Finden Sie raus, ob eine zweifarbige Person ihre Füße vermisst.“

„Jawohl Chef.“, Danielle stand stramm wie ein Soldat. Ihr knabenhafter Busen bebte.

„Vielleicht sind das die Füße eines Aliens?“, rief ein anderer.

„Unwahrscheinlich!“, schüttelte Frank den Kopf. Er fuhr mit dem Finger an der Ferse eines Fußes entlang und sammelte dabei einen braunen Brei auf.

„Danielle warten Sie, was könnte das sein? Beide Füße sind voll davon.“, rief Frank seiner Partnerin hinterher und hielt den verschmierten Finger in ihre Richtung.

Danielle lief zurück zu Frank und sah sich dessen Finger genau an. Vorsichtig tippte sie mit der Zungenspitze an die Kuppe.

„Das ist Kot. Das ist ganz sicher der Kot eines Tapirs.“, würgte Danielle. Frank schaute erstaunt.

„Hier ist etwas komisch.“, sagte Frank und wurde bleich. Er rang nach Luft. Unter dem linken Fuß klemmte ein Foto. Das Bild zeigte den Fuß, der letztens im Revier abgegeben wurde.

„Kein Zweifel?“, fragte Danielle, die noch immer an Franks Finger leckte.

„Danielle, was machen Sie da? Lassen Sie meinen Finger!“

Frank war sich sicher. Der Fuß auf dem Foto hatte das gleiche Tattoo, wie der weiße Fuß hier. Die Tinte in der Haut zeigte den 20.04.2004, das Datum von Franks Hochzeit mit Franka.

„Das ist kein Zufall mehr. Jemand hat es auf mich abgesehen.“, stammelte Frank und verließ die Szene.

Danielle sah ihrem Boss Hand am Munde nach und folgte ihm wenig später.

Zurück im Revier gab man Frank einen Brief, den er sogleich öffnete. Er zog einen Flyer mit Werbung eines Podologen aus dem Umschlag. Darauf stand:

„Beraten, Behandeln, Betreuen“
„Fußpflege muss keine Glückssache sein!“

„Schauen Sie. Das Datum!“, Frank zeigte Danielle den Flyer.

„20. April 2004. Das ist…“

„…der Tag meiner Heirat mit Franka.“, vollendete Frank den Satz von Danielle.

„Was ist überhaupt mit Franka?“, fragte Danielle.

„Sie verschwand spurlos, nachdem sie mich mit Herkules erwischt hatte.“

„Wer ist Herkules?“

„Herkules war der Drogenhund des siebten Reviers.“

„Okay, fahren wir zu diesem Podologe.“, gab Danielle dem Thema eine Wendung.

Der Weg zur Praxis war kurz. Nur etwa einen Kilometer die Straße rauf und dann links in die Mosenstraße. Manchmal malten Spaßvögel mit einem Marker Striche über das ‚o‘. Der Hausmeister der Stadt entfernte das dann schnell wieder.

Unterwegs sprachen die Beiden kein Wort. Frank sah aus dem Fenster, während Danielle fuhr.

„Hätten Sie gern zwei melonengroße Brüste?“, unterbrach Danielle das Schweigen. Frank sah Danielle fragend an.

„Okay, da wären wir.“, Danielle bremste scharf ab und zog in die Lücke. Der Wagen holperte über den Bordstein. Die Radkappe löste sich von der Felge und rollte den Weg entlang. Eine dicke Person rannte aus dem Haus.

„Sieht aus wie der Podologe. Gleicher Kittel, selber Sombrero.“, meinte Frank und zeigte auf den Flyer.

Frank und Danielle sprangen aus dem Auto. Trotz der Leibesfülle erreichte die Person ein Tempo, welchem die Beiden nur mit Mühe zu folgen in der Lage waren. Sie rannten etwa drei Kilometer, bis Frank den Kittel griff. Alle drei fielen zu Boden und der Podologe verlor den Sombrero.

„Frau Alves! Rita! Sie?“, Franks Magen krampfte erneut. Er übergab sich auf den schlohweißen Kittel von Rita.

„Herr Franke! Frank! Ich liebe Sie doch.“, erwiderte die fette Frau und schob die Kotze vom Kittel.

„Aber die Füße. Wieso Mord?“, fragte Frank ungläubig.

„Ich habe nicht getötet. Die Füße sind alles Plagiate aus Persipan.“

„Dann ist ja alles in Ordnung.“, meinte Danielle und gab den Beiden zu verstehen, dass sie den Wagen holen wird.

„Arbeiten Sie an Ihrem Gewicht Rita. Dann ist es durchaus möglich, dass ich Ihre Liebe für eine Nacht erwider.“, sprach Frank und streichelte den Schenkel von Rita. Die Alves lächelte und strich verliebt über Franks Glatze.


Diese Geschichte ist ein Beitrag zur Clue Writing Challenge 8. Das sind die Protagonisten:

 

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