Der Volkskommunikator - VK

VK – Kapitel 1 – Teil 5

Tobi erfuhr in den letzten Tagen eine seltsame Wandlung. Sein Gang glich dem eines Primaten und das stets freundliche Lächeln verschob sich zu einer Fratze.

Seit der Turnstunde keimte in ihm eine krankhafte Liebe zu Gert. Katzengleich schlich er durch die Anlage und verfolgte Gert auf Schritt und Tritt. Braun bemerkte von all dem nichts. Meckweiher war Gerts Schatten.

Nur kurz nach dem Zusammenprall mit Tobi holte Gert die Teile im Lager von Kluhnei ab. Zurück in der Werkstatt montierte er mit seinem Kollege Däpp etwa zehn Dutzend Prototypen. Die Geräte brachte er zur Rampe am Ausgang. Dass Tobi dabei stets in seiner Nähe war, registrierte Gert nicht.

Auf dem Rückweg durch die schmalen Gänge kam Gert an einem Spiegel vorbei. Eitel blieb er stehen und sah hinein.

„Das sind 80 Kilo geballte Erotik. Aber ich sollte mich rasieren. Morgen kommt die Neue für das Orchester.“, sprach Gert zu sich selbst und strich lasziv über sein fliehendes Kinn.

„Nicht rasieren, der Bart macht dich so männlich.“, erklang eine Stimme aus dem Dunkel.

Gert erschrak und lief weiter. Er meinte, Tobis Stimme erkannt zu haben. Prüfen wollte er dies indes nicht und eilte in sein Zimmer. Erschöpft sank er auf sein Bett und verfiel in einen Tagtraum.

Seine Gedanken kreisten um Ilse und einen prächtigen Schimmel mit einem noch prächtigeren Schwanz. Ilse trug Zöpfe und das Ross galoppierte wild über die Insel. Gert saß hinter ihr auf dem Rücken des Pferdes und presste sich mit seinen Lenden fest an die 15-Jährige. Der Hengst sprang über einen Busch und Gernot verlor den Halt. Krachend fand er sich auf dem kalten Boden seines Zimmers wieder. Insgeheim dachte er: Immer das Gleiche. Wenn es reizvoll wird, fall ich vom Pferd.

Über seine Illusion vergaß Gernot die Zeit und die Zeiger der Uhr standen fast auf Mitternacht. Mattheit überfiel ihn und er schlief ein. Im Traum versuchte er, den Ritt mit Ilse fortzusetzen. Aber es misslang. In seinem Kopf kreisten nur wirre Bilder von einem Labskaus, der ihm vor Jahren mal den Magen verdorben hatte.

Am nächsten Morgen drängte die Zeit. Punkt 10 Uhr sollte Gert Frau Winschlett am Eingang abholen, dabei sah sein fliehendes Kinn aus, als hätten sich viele tausend Fischgräten durch die Haut gespießt. Eine Rasur schien dringend notwendig.

Gerts Puls raste. Die Zeit rannte fordernd in Richtung 10 Uhr und er stand noch immer halb nackend im Waschraum. Mehrfach schnitt er sich bei der Entfernung des Bartes in sein Kinn. Einige Ecken Scheißhauspapier verhinderten ein Verbluten. So etwas ist ihm bisher nie passiert. Er war aufgeregt, als er neben der nackten Ilse im Stroh lag, hatte Herzklopfen bei der Untersuchung seines Rektums, schwitzte ein wenig, als Tobi eine feste Erektion an ihn presste. Aber er hatte sich stets im Griff. Der blonde Mythos Käthe trug offenbar seine Schatten voraus und Gert fiel ihm anheim.

Für solche Fälle kannte der Arzt in der Anlage ein Mittel. Jeder, der hier anfing, bekam ein paar davon.

Ich brauch eine Tablette Pervitin!, Gert eilte in sein Zimmer und suchte die Pillen. Im Wandschrank neben dem aufgemalten Fenster lagen drei Stück. Mit einem Schluck Wasser bahnte sich das Dragee den Weg durch die Speiseröhre. Gert wartete auf die Wirkung, die schnell einsetzte.

Gert holte tief Luft und sah ein letztes Mal in den Spiegel. Dann trat er auf den Gang und lief selbstbewusst zum Haupttor.

Die Winschlett stand längst am Eingang. Däpp hatte nicht gelogen. Von weitem sah man den üppigen Busen. Ihre Korsage hatte arge Müh mit den beiden Melonen. Das blonde Haar fiel über die nackten Schultern und ihre Beine schienen endlos. Noch nie im Leben hatte Gert eine so bildschöne Frau gesehen.

„W-W-W-Willkommen. I-I-Ich bin Gert B-B-Braun.“, stotterte Gert, als er der Frau unmittelbar gegenüber stand. Etwa 20 Jahre älter schätzte er Käthe, aber ihre Haut war so jugendlich straff wie bei der kleinen Ilse. Jetzt rächte sich Gerts Vorsicht. Eine Pille war eindeutig zu wenig.

„Freut mich. Ich bin Käthe.“

Die tiefe Stimme fing Gert sofort ein und es schien, als entleerte sich genau in diesem Moment seine Blase. Sein Selbstbewusstsein war nicht mehr vorhanden. Schweiß trat auf die Stirn. Mit zittriger Hand wischte er die Tropfen an den Ärmel.

„Hier entlang bitte Frau Winschlett.“, Gert zeigte in den dunklen Gang und lief dann voraus.

„Wie man erzählt, blasen Sie gern.“, versuchte Gert, ein Gespräch aufzubauen. Stille. Man hörte nur die Absätze von Käthe auf dem feuchten Beton.

„…das Fagott meine ich.“, Gert blieb stehen und schaute zu Käthe auf – die Frau war bestimmt einen Kopf größer. Sein Gesicht färbte sich puterrot.

„Ja, ich blase vorzüglich.“, hauchte Käthe. Das Eis war gebrochen.

„Nennen Sie mich Käthe.“, lasziv beugte sie sich zu Gert und offenbarte dabei ihr Dekolleté. Gert starrte nur. Am liebsten hätte er seinen Schädel in ihren Brüsten vergraben. Die pubertäre Verkrampfung in ihm lockerte sich. Ihre Dominanz gab ihm Sicherheit. Sie führte ihn und er bemerkte nicht, wie Käthe ihn schon vereinnahmt hatte.

Hinter der Rampe neben dem Tor standen drei große Stapel Bakelit. Tobi hockte die ganze Zeit dahinter und verfolgte dort die Ankunft von Käthe. Er sah, wie intensiv Gert die Nähe der Frau genoss.

Er gehört mir du Schlampe!, dachte Tobi und kämpfte mit den Emotionen. Leise verließ er den Ort. Gefühle übermannten ihn. Tobi weinte bitterlich.

„Da wären wir.“, Gert war unterdessen mit der Frau seiner Träume bis zu deren Schlafraum gelaufen.

„Etwas spartanisch, aber wir sind im Krieg.“, entschuldigte er sich.

„Das ist in Ordnung Gert.“, Käthe strich um Gerts Kinn. Er schloss Gert die Augen und war dabei, sich heftig zu verlieben.

„In einer Stunde hole ich Sie ab. Ich möchte Ihnen ihr Fagott zeigen. Sie können mir beweisen, dass Sie eine gute Bläserin sind.“

„Sehr gern.“

Was für eine Frau., dachte Gert und ging.

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